„Weg mit den Ketten! Es braucht mehr individuelle Läden!“

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So höre ich es oft, wenn über die Läden unserer Stadt gesprochen wird. Mit wehenden Fahnen wird sich für die kleinen Läden und gegen die „Ketten“, die die Städte „kaputt“ machen eingesetzt. Richtig und falsch gleichermaßen, denke ich. Denn meiner Ansicht nach geht es um etwas ganz anderes.

Was steht hinter dieser pauschalen Aussage und wie verhalten sich Kunden wirklich, wenn es um ihre Kaufentscheidung geht? Was sind die Lösungsansätze!?

Grundsätzlich bin ich persönlich der Meinung, dass ein gesunder Handel in den Städten in Harmonie zueinander funktioniert und, dass sowohl die Großen von den Kleinen, als auch die Kleinen von den Großen lernen und profitieren können. Letztere verteufeln leider viel zu oft ihre großen „Gegner“, anstatt den einen oder anderen wertvollen Tipp in ihr Geschäft zu integrieren.

Im Verlauf des Betrages, schneide ich unterschiedliche Themenfelder an. Dazu werden jedoch andere Beträge entstehen. Heute möchte ich darauf eingehen, was meiner Erfahrung nach ein gesundes Quartier ausmacht, wie manch pauschale Aussagen vermieden werden sollten und was Unternehmer tun können, um sich am Markt nachhaltig zu positionieren.

„Geschäfte des täglichen Bedarfs“ – was versteht man eigentlich unter diesem Begriff, der so oft in den Lagebeschreibungen von Immobilienmaklern zu finden ist? Er ist zwar nicht offiziell definiert, dennoch versteht man darunter im allgemeinen Sprachgebrauch die Geschäfte, die die Anwohner mit den kurz- und mittelfristigen Gütern versorgen, wie z.B. Lebensmittel oder Drogerie-Produkte. Auch Apotheken und Zeitschriftenhändler gehören dazu.

Nun sind es genau diese Geschäfte, die oft von Filialisten „besetzt“ sind. Doch wäre es hier gut, wenn „die Ketten verschwänden?“. Schätzen wir nicht alle Kontinuität und die Gewissheit „dass man das da bekommt“. „Geschäfte des täglichen Bedarfs“ erzeugen Sog in Quartieren. Sie sorgen dafür, dass Menschen dort hinkommen und etwas kaufen. Auf dem Weg dorthin laufen sie dann an anderen, kleineren Läden vorbei und sehen, was dort angeboten wird. So eine Lage finden wir z.B. in der Augustenstraße in München, Nähe des dm-Drogerie- und Vollcorner-Marktes. Die kleinen Läden profitieren von den großen Nachbarn. Doch ist dies ein Garant dafür, dass die kleinen Läden erfolgreich werden? Nein. Sind die Großen schuld, wenn es nicht passiert? Ich wage es zu bezweifeln. Oft sind es andere Gründe, weswegen kleine Läden verschwinden – die Kunden sind es, die den Großen die Schuld geben. Die Realität sieht oft anders aus.

Doch zurück zu unserer Stadt. Neben solchen Lagen gibt es typische Einkaufsstraßen, die auf das Verweilen der Passanten ausgerichtet sind und durch gastronomische Betriebe ergänzt werden. Menschen gehen hier gezielt hin, um einzukaufen. Der Fokus liegt dabei nicht auf dem „täglichen Bedarf“, sondern auf dem Konsum von Produkten, die man nicht zum „Überleben“ braucht. Wir alle kennen sie in München. Die Sendlinger Straße ist eine von ihnen. Manche machen sich Gedanken, wie sich solche Lagen mit dem Online-Handel entwickeln und wenn wir hinsehen, bemerkt man es ganz deutlich. Doch auch hier gibt es Ansätze.

Weiter sind es dann die „Ausgehviertel“. Hier findet man in der Regel viele gastronomische Betriebe, Cafés, Restaurants und Bars. Früher waren in diesen Vierteln oft Kinos und Theater zu finden. Der Fokus liegt mehr auf dem Nachtgeschäft und die sonstige Ladenstruktur ist eher vereinzelt vertreten. Die Mietpreise der Läden sind niedriger und die Lagen werden oft als „Trend-Viertel“ bezeichnet, da sich eher junge, individuelle Unternehmen zwischen der Gastronomie ansiedeln.

Eine typische Mikro-Lage dieser Art war Alt-Schwabing mit dem Lustspielhaus. Es zählt zu den typischen, alten „Ausgeh-Vierteln“ unserer Stadt.

Das Glockenbachviertel hingegen ist die bekanntere Variante. Hier zeigt sich eine gelungene Ergänzung, zwischen der klassischen Ausgeh-Situation und den kleinen, individuellen Läden. Interessant wird es, wenn versucht wird ein Viertel „umzuerziehen“ und damit die Struktur des Viertels zu verändern. Doch auch dies ist eine andere Geschichte…

Natürlich vermischen sich die Viertel-Modelle und Lagen lassen sich nicht damit „abstempeln“. Doch sie helfen, Lagen zu beurteilen.

Ein Unternehmer, der über eine Standort-Entscheidung nachdenkt, sollte sich fragen „Wo gehöre ich hin?“, „wo sitzt meine Zielgruppe und was tut sie dort?“. 

Ein reines Textilgeschäft in einem Gebiet mit vereinzelten Restaurants und Büros wird es schwer haben. Auch wenn die Miete günstig ist (Lösungsansatz siehe unten).

Oft erlebe ich in meinen Gesprächen mit Inhabern kleiner Läden, wie sie von der großen Begeisterung zu Anfang erzählen, tolle Produkte haben und viel Leidenschaft für Ihre Idee. Also im Grunde die beste Voraussetzung für einen erfolgreichen Laden.

Doch was passiert dann? Sie gehen auf die Suche nach dem richtigen Geschäft, sind bei den Immobilien in den Portalen oft „einer von vielen“, müssen sich neben der Suche um Lieferanten, Organisation, Koordination des Privatlebens, Buchhaltung, Krankenversicherung und Steuer beschäftigen und schauen sich immer mal wieder irgendwelche Läden an, bei denen sie sich dann unsicher sind, die Konditionen nicht recht passen und sie letztlich weiter suchen. Bis sie irgendwann den Laden finden, der in einer B-Lage irgendwo liegt und eine „günstige“ Miete hat.

Ich sage keineswegs, dass kleine Läden in solchen Lagen nicht überleben können, doch wenn sie sich für eine solche Lage entscheiden, sollten sie aktiv die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es braucht einen Grund, weshalb Menschen zu ihnen kommen und das gern immer wieder.

Bei der Standortfrage macht es also Sinn, sich Zeit zu nehmen, intensiv damit zu beschäftigen und sollte das nicht möglich sein, einen Profi hinzuziehen, dem man vertraut.

Ansonsten empfehle ich vor allem, sich früh genug mit diesem Thema zu beschäftigen, die Zeit und Energie zu investieren, das Konzept zu durchdenken und die passende Lage zu suchen.

Wie sehr würde das dazu beitragen, dass es viel mehr tolle Konzepte in München gibt und sich nachhaltig etablieren. Quartiere brauchen eine gute Mischung. Es braucht Sog-Bringer und Lokalhelden. Erst das macht ein Viertel attraktiv und damit lebenswert.

Es braucht Vielfalt.

Und sind wir mal ehrlich; wir gehen zu bestimmten Läden, weil wir dort etwas bekommen, was wir wollen. Das kann auch ein Gespräch mit einer besonders freundlichen oder kompetenten Verkäuferin sein. Macht euch eurer Qualitäten bewusst und setzt sie in Szene.

Strategien, die kleine Läden nutzen können:

1.    Sei Selbst-bewusst:

Sei anders und finde heraus (am besten bevor du den Laden eröffnest) was dich oder dein Konzept einzigartig macht. Fokussiere dich darauf. Es gibt vielleicht schon Hunderte deiner Branche, aber alle sind nicht wie Du. Setze deine Idee auf DEINE Weise um.

2.    Denke quer:

Wer sagt, dass ein Einzelhandel nicht auch Events machen kann? So, wie eine Lesung im Buchhandel, ein Info-Abend für Angel-Anfänger im Fachhandel, ein Abend mit Reisebericht im Outdoor-Shop. Unser Textilgeschäft von vorhin, könnte in der B-Lage einen Änderungsservice oder eine Stilberatung einbinden. Nutzt dafür auch die Sozialen Medien und die Kreativität eurer Kunden – fragt sie, was ihnen gefallen könnte und macht es.

3.    Bleib klein:

Wer sagt denn, dass man wachsen muss. Sicher ist das keine Option für jeden, aber wer eine „Institution“ an einem Standort ist, sollte sich zweimal überlegen sich zu vergrößern. Es gibt Geschäfte, die verlieren Herausstellungsmerkmal, wenn es sie mehrfach gäbe. Oder kann sich jemand vorstellen, dass es z.B.  das Café Jasmin plötzlich in jedem Stadtteil gibt? Schon nach einer Renovierung wäre das Flair dahin.

4.    Erzähl deine Geschichte:

Was ist deine Geschichte oder die deines Betriebs? Erzähl sie und setze sie ein. Mach dich persönlich und nah. Schon dein Vater war Schuster und du führst seine Leidenschaft in deiner Boutique weiter? Erzähle es!

5.    Tu dich zusammen:

Du kannst dir die Lage, die du brauchst nicht leisten? Dann tu dich mit anderen Unternehmern zusammen. Shop-in-Shop Lösungen können toll zusammen funktionieren. Zwar braucht es immer einen Hauptmieter, aber das kann auch eine gemeinsame Firma sein.

Große und Kleine. Minimalistische und Verrückte. Es braucht sie alle und sie ergänzen sich. Kleine Geschäfte leben von ihrer Authentizität&Sympathie und werden es immer tun. Große Geschäfte können diese Nähe schon aufgrund ihrer Größe nicht darstellen. Doch sie ziehen die Kunden an, die dann den kleinen Laden entdecken. Ergänzt euch, anstatt euch aufzuregen und nutzt eure Stärken, um nachhaltig erfolgreich zu sein.

Fortsetzung folgt…

Habt ihr Fragen, die ich hier beantworten soll? Meldet euch.

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